Der Lehre Luthers erging es wie allen menschlichen Dingen: sie änderte sich. Sekten über Sekten entstanden; jede glaubte was ihr gefiel. Richterin in Glaubenssachen wurde die Vernunft. Die Freigeister traten zuerst in England auf, Religion und Sittlichkeit untergrabend. 1717 eröffneten die Freimaurer in London die erste Loge. Von England aus verbreitete sich der Unglaube nach Frankreich. Die französischen Philosophen, Rousseau und Voltaire, taten alles, das Christentum auszurotten. "Vernichtet die Infame" (d.h. die Kirche), "o Rom, wie ich dich hasse", so lauten einige Ausdrücke des gottlosen Voltaire. Auch die deutschen Philosophen (Kant, Fichte) huldigten vielfach dem Unglauben. In Österreich vergriff sich Kaiser Franz Joseph II. an den Rechten und der Freiheit der Kirche. Er hob Klöster auf, beantstandete die Vollmachten der Bischöfe, gab eigenmächtig Vorschriften über Gottesdienst usw. Vergebens reiste Papst Pius VI. selbst nach Wien, den Kaiser umzustimmen. Der Josephinismus blieb lange bestehen. Kein Wunder, wenn in einer solchen Zeit des Unglaubens und des Freidenkertums Ereignisse eintraten, vor denen der Mensch zittert: die Schrecken der französischen Revolution.
Der Nationalkonvent (1792-1795) sprach das Todesurteil über den König Ludwig XVI. und die Königin Maria Antoinette, die 1793 den Tod durch Henkershand erlitten. Ein allgemeines Morden von Adeligen, Königstreuen, Geistlichen begann. Die Sonn- und Festtage hörten auf, jede Erinnerung an das Christentum sollte schwinden. Die französischen Generäle, unter ihnen Bonaparte, der spätere Kaiser Napoleon, rückten in einem Heer nach Italien. In Rom erklärte man die weltliche Gewalt des Papstes für aufgehoben und errichtete "die römische Republik". Der 80jährige Papst Pius VI. musste nach Frankreich in die Gefangenschaft, wo er 1799 starb. Erst vier Monate nach seinem Tode ließen die Republikaner den Leichnam begraben.